Authentisch – ein Wort, das heute gern und oft benutzt wird. Kaum ein Coaching, kaum ein Gespräch, kaum ein Profil, in dem es nicht auftaucht.
Alle wollen angeblich authentisch sein. Aber was die meisten darunter verstehen, ist bequem, angepasst und letztlich ungefährlich. Da wird Individualität gespielt, aber keine Wahrheit gezeigt. Da wird sich „echt“ genannt, obwohl alles bis ins Detail inszeniert ist. Wer sich ständig auf Authentizität beruft, lebt oft genau das Gegenteil: ein strategisches Selbst. Wer authentisch ist, braucht es nicht zu betonen. Wer es betonen muss, ist es meist nicht.
Auffallend ist, dass viele, die so sehr „authentisch“ sein wollen, in Wahrheit einfach nur auffallen wollen. Mit ihren Erfolgen. Mit ihrem zur Schau gestellten Tun. Mit ihrem Drang, überall sichtbar zu sein. Da wird gelacht, selbst wenn nichts zu lachen ist – als müsste gute Laune beweisen, dass alles stimmt. Da wird Wissen präsentiert, nicht aus Tiefe, sondern aus Bedürfnis, sich zu erhöhen.
Es wirkt nicht verbindend, sondern distanzierend – oft arrogant.
Und genau diese Menschen verlieren irgendwann das Gefühl dafür, wer sie darunter eigentlich sind. Wer immer glänzen muss, verliert die Fähigkeit zur echten Begegnung. Wer ständig Eindruck machen will, hat sich innerlich längst verloren. Es fehlt nicht an Sichtbarkeit – es fehlt an Demut. Es wird dann zur Sucht.
Authentizität beginnt nicht im Außen. Sie beginnt da, wo jemand aufhört, sich selbst zu manipulieren. Da, wo keine Geschichte mehr erzählt werden muss, sondern eine Haltung sichtbar wird. Eine Unverstelltheit, die nicht perfekt ist – aber klar. Wer sich dauernd fragt, wie er wirkt, ist nicht echt, sondern beschäftigt. Wer überlegt, was „noch passt“, steht nicht im Kontakt, sondern im Konzept. Authentisch ist nicht, wer sagt, was er denkt. Authentisch ist, wer fühlt, was er sagt. Und das ist selten.
Denn die meisten Menschen spielen Rollen. Vollkommen unbewusst. Nicht, weil sie unehrlich sind – sondern weil sie Angst haben. Angst, nicht zu genügen. Angst, falsch zu sein. Angst, sich zu zeigen. Angst, nicht das zu erreichen, was erreicht werden muss.
Also wird ein Bild aufrechterhalten. Ein Selbst, das Zustimmung erzeugen soll. Ein Verhalten, das vermeidet, statt zu offenbaren. Und dabei geht etwas Entscheidendes verloren: Integrität. Wer nicht im Einklang mit sich handelt, verliert die eigene Kraft. Wer sich ständig anpasst, wird beliebig. Und wer sich selbst nicht mehr glaubt, wird innerlich hohl – egal, wie professionell er funktioniert.
Authentizität braucht Mut. Den Mut, nicht gemocht zu werden. Den Mut, Widerspruch auszuhalten. Den Mut, sich zu zeigen – auch wenn das nicht in jedes System passt. Und genau deshalb ist sie so selten. Authentisch ist, wer keine Angst mehr hat, ungemütlich zu sein. Wer sich nicht mehr korrigiert, um akzeptiert zu werden. Wer bereit ist, klar zu stehen – auch wenn es andere verstört.
In meiner Arbeit geht es nicht darum, „authentischer zu wirken“.
Es geht darum, aufzuhören zu wirken und darum, zurückzukehren. Zur Wahrheit. Zur eigenen Stimme, die nicht gemocht werden will – sondern gehört. Das ist unbequem. Es ist nicht für jeden. Aber für die, die bereit sind, sich selbst nicht länger zu belügen, ist es der einzige passende Weg.
Herzlich,
Euer Karsten
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