Freiheit, und gemeint ist hier die innere Freiheit, ist eines der am meisten missverstandenen Wörter überhaupt. Nicht weil es kompliziert wäre, sondern weil fast niemand es dort sucht, wo es wehtut. Freiheit wird nach außen verlegt: in Rechte, Möglichkeiten, Räume. Dabei übersieht man, dass man sehr viele Möglichkeiten haben kann und trotzdem vollständig abhängig bleibt.
Abhängig von Reaktionen.
Abhängig von Stimmungen.
Abhängig von Verantwortungen.
Diese Abhängigkeit fühlt sich nicht wie Unfreiheit an. Sie fühlt sich normal an. Aber genau das macht sie so wirksam.
Die verbreitete Vorstellung lautet: Freiheit bedeutet, tun zu können, was man will. Doch wer diesem Satz ehrlich folgt, merkt schnell, dass das Wollen selbst das eigentliche Problem ist. Wünsche tauchen nicht auf, weil wir sie gewählt haben, sondern weil etwas in uns angesprungen ist. Alte Muster, alte Belohnungssysteme, alte Geschichten. Man reagiert und nennt es Entscheidung.
So entsteht der Eindruck von Selbstbestimmung bei gleichzeitiger innerer Getriebenheit.
Man ist ständig beschäftigt, ständig reagierend, ständig innerlich kommentierend. Kaum etwas davon wird bewusst gewählt. Und trotzdem verteidigt man es als „Ich“.
Freiheit hat mit all dem eigentlich nichts zu tun.
Denn innere Freiheit beginnt dort, wo Abhängigkeit endet. Nicht die äußere, sondern die innere. Die Abhängigkeit davon, sofort reagieren zu müssen. Die Abhängigkeit davon, recht zu haben. Die Abhängigkeit davon, dass ein Gefühl sofort ausgelebt oder eine Bewertung sofort bestätigt werden muss.
Solange ein innerer Impuls automatisch zu Handlung wird, ist keine Freiheit im Spiel. Dann läuft ein Programm. Egal wie individuell es sich anfühlt.
Der wirklich freie Wille ist in diesem Sinne kein großes Versprechen. Er ist klein, unspektakulär und unbequem. Er zeigt sich nicht im Entscheiden, sondern im Nicht-Mitgehen. In der Fähigkeit, einen Impuls stehen zu lassen, ohne ihn sofort zu bedienen. Nicht aus Disziplin oder Moral, sondern aus Klarheit. Hier stellt sich dann die Frage:
„Wie gehe ich damit um? Was macht das mit mir?“ Hier liegt der freie Wille.
Das macht nichts einfacher. Im Gegenteil. Wer innerlich frei wird, verliert Ausreden. Man kann sich weniger hinter Umständen verstecken, weniger hinter Emotionen, weniger hinter der eigenen Geschichte. Freiheit bedeutet, sich selbst nicht mehr automatisch zu folgen.
Und genau deshalb wird sie so gern missverstanden.
Man nennt Ungebremstheit Freiheit, weil es angenehmer ist. Man nennt Reaktion Authentizität, weil es Verantwortung spart. Und man nennt Abhängigkeit Gefühlstiefe, weil sie vertraut ist.
Doch Freiheit ist nüchtern. Sie ist leise. Sie ist kein Hochgefühl. Sie zeigt sich in Momenten, die niemand sieht, in denen man innerlich einen Schritt zurücktritt und merkt: Ich muss das gerade nicht tun.
Nicht, weil man es nicht darf.
Sondern weil man nicht mehr davon abhängig ist.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung von Freiheit überhaupt:
Freiheit? Wer weniger bewertet, ist nicht besser, aber viel freier.
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